„Mein Holzhund rettete mir das Leben!"

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So still und andächtig war es selten in der Aula der Wilhelm-Kaisen-Schule, als Michaela Vidlakova von ihrer Kindheit im KZ Theresienstadt erzählt. 90 Minuten hängen die 90 Schüler und Schülerinnen der zehnten Klassen an den Lippen der 75-jährigen Frau aus Prag, die ungeheuer beeindruckend ihre Erlebnisse vermittelt.

Sie berichtet zunächst von der zunehmenden Entrechtung der Juden nach der deutschen Besetzung. „Wir mussten den Judenstern tragen und hatten keine Menschenrechte." Im Zuge der so genannten Arisierung wird ihnen ihr gesamter Besitz weggenommen. Sogar einen Kanarienvogel muss die Familie abgeben. Danach wird es Juden verboten zum Tanzen oder ins Kino zu gehen, sogar Restaurants, Parks oder Bäder bleiben ihnen verwehrt. Nur unqualifizierte Arbeiten werden noch den Juden überlassen.

Als 5-Jährige kommt sie 1941 mit ihren Eltern ins Lager Theresienstadt. Was nimmt man mit? Eine Wolldecke, Wäsche, Schuhe, Hygieneartikel und einen Hund aus Holz, den ihr der Vater zum 5. Geburtstag geschenkt hat. Dieser Hund dient dem Vater als Nachweis seiner Qualitäten als Holzfacharbeiter, was zu seiner Beschäftigung in der Tischlerei führt und nicht zu der üblichen Deportation in ein Vernichtungslager, wie z.B. Auschwitz.

Es gab „eine Reihe von Glücksereignissen, das ich noch lebe", sagt Frau Vidlakova. Die gebürtige Tschechin lernt Deutsch, als sie wegen hohen Fiebers ins Krankenhaus des Lagers eingeliefert wird und im Bett neben ihr ein gleichaltriger Berliner Junge liegt. Sie freunden sich an. Er wird ihr „Deutschlehrer", sie bringt ihm Tschechisch bei. Die Freundschaft endet, als er in ein Vernichtungslager gebracht wird. „Ich hatte danach Angst Freundschaften zu schließen, weil es oft so schnell vorbei war." Das Fieber wird behandelt mit kalten Umschlägen, da an Juden keine Medikamente ausgegeben werden dürfen. „Bis heute habe ich Angst vor kalten Leinentüchern!" Im Kinderheim des Lagers wird ein illegaler Schulunterricht organisiert. Die kleine Michaela lernt so viel, dass sie nach dem Krieg sofort in die 4. Klasse kommt.

Frau Vidlakova erzählt weiter von den Schicksalen vieler ihrer jüdischen Freunde, die nach Auschwitz gekommen sind: von der Selektion bei der Ankunft, von den Gaskammern und den Krematorien und der Vielzahl von scheußlichen Erniedrigungen und Demütigungen, denen die Gefangenen ausgesetzt waren. 90 % der tschechischen Juden wurden ermordet.

Michaela Vidlakova überlebt mit ihren Eltern den Holocaust. Sie besucht das Gymnasium und studiert Naturwissenschaften an der Karls-Universität. Nach dem Studium arbeitet sie im Labor des medizinischen Forschungsinstituts. Seit ihrer Pensionierung berichtet sie in Schulen von ihren Erlebnissen als Zeitzeugin, ist im Vorstand der Theresienstädter Initiative und dort verantwortlich für Bildung. Sie lebt in Prag, ist verwitwet und hat einen verheirateten Sohn.

G.Bodermann