„AN ACCIDENTAL AMERICAN“

(von Petra Niehardt)


Ein englischer Vortrag von Ruth Stern Gasten an der Wilhelm-Kaisen-Oberschule am 07.09.2017
Deutschland war nicht immer ein Einwandererland. Lange vor Angela Merkels Worten „Wir
schaffen das“ gab es eine gegensätzliche Bewegung, nämlich die der jüdischen Bevölkerung im
Dritten Reich, die sich durch Auswanderung vor dem KZ rettete.
Der Titel von Ruth Stern Gastens Buch „Zufällig Amerikanerin“ (übersetzt von der Journalistin
Monika Felsing vom Bremer Geschichtsverein Lastoria e.V.) sagt genau das aus: Sie und ihre
Familie waren gezwungen, aus ihrem hessischen Heimatort Nieder-Ohmen zu fliehen,
nachdem der Vater von der Gestapo abgeholt worden war. Nur durch das energische
Eingreifen von Ruths Mutter war es der Familie möglich, gemeinsam in die USA
auszuwandern. Voraussetzung dafür war die eidesstattliche Erklärung der Verwandten in
Amerika, dass sie die Unterhaltskosten für die Familie tragen würden, denn man durfte nur
sehr wenig Geld mitnehmen.
Besonders interessant war für das Publikum aus Neunt- und ZehntklässlerInnen der WKO
dieser Perspektivwechsel, denn unter ihnen befinden sich viele Migranten der ersten, zweiten
oder dritten Generation. Ruth Stern Gasten stellte heraus, wie bereichernd solch eine Vielfalt
von verschiedenen Kulturen für ein Land ist. Deshalb ist ihr Lieblingsessen auch nicht typisch
amerikanisch, sondern italienisch, koreanisch usw. Die Frage eines Schülers, ob ihr
Deutschland gefalle, bestätigte sie lächelnd. Ihre schlechten Erinnerungen an die Zeit in
Deutschland beschränken sich auf das Gefühl als Fünfjährige, dass die anderen Dorfbewohner
sie plötzlich nicht mehr mochten, nachdem die Nürnberger Gesetze Antisemitismus gesetzlich
vorschrieben.
Die Erinnerungen in ihrem Buch sind aus der Warte der fünfjährigen Ruth geschildert. Das
kleine Mädchen hätte gerne seine Lieblingskuh mit nach Amerika genommen und war traurig,
dass das nicht möglich war. Die einwöchige Überfahrt, auf der ihre Eltern fürchterlich
seekrank waren, genoss Ruth hingegen sehr, da sich die Offiziere um sie kümmerten. Sie
konnte auf dem ganzen Schiff ohne Aufsicht spielen und beim Kapitänsdinner zweimal
Nachtisch nehmen.
Ihre Eltern werden die Überfahrt und die erste Zeit in der Neuen Welt nicht so angenehm
empfunden haben, denn nach der Seekrankheit kamen die Wanzen in der Notunterkunft und
behelfsmäßige Arbeit, um über die Runden zu kommen. Trotzdem hatte Ruths Familie Glück,
denn viele ihrer Verwandten landeten in Auschwitz und nur wenige überlebten diese Zeit
Auch wenn die SchülerInnen zuerst recht zurückhaltend auf Ruth Stern Gastens Versuche
reagierten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, waren sie sehr aufmerksam und zum Schluss
begierig darauf, ihre vorher im Englischunterricht überlegten Fragen zu stellen. (NIE)